Donnerstag, 3. Februar 2011

Gebrauchsanweisung für den Umgang mit einer unerwarteten Menschlichkeit

Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat gezeigt: Der Mensch tut sich schwer im Umgang mit menschlichen Verhaltensweisen im Alltag. Er selbst hat sich angewöhnt, alles zu unterdrücken. Niemand soll teilhaben an seinem Inneren, das gehört ihm ganz allein. So ist zu bemerken, dass wenn es doch mal einem Menschen passiert, dass er seine Emotionen oder sein momentanes Gefühl nicht mehr halten kann, seine Umwelt mit abwehrenden Mechanismen reagiert. (Es sei denn der Gegenüber ist einem über Jahre vertraut, da gestaltet sich das etwas anders.) Dem Menschen ist es unangenehm, sich mit einem Gefühl zu befassen, welches seinem eigenen in dem Moment vollkommen entgegengesetzt ausgerichtet ist. Diesem Phänomen hat sich  der Verhaltensforscher Prof. Dr. men. Augenöffner (wobei "men." in diesem Fall "menschlich" bedeutet) gewidmet und einen kleinen Gebrauchsleitfaden entwickelt für all diejenigen, denen es immer wieder Sorgen bereitet auf der Straße angelächelt zu werden.

Situation 1: Ein fremder Mensch lächelt Sie auf der Straße einfach an

Die erste Regel und die gilt für alle noch kommenden Situationen: Bleiben Sie ruhig! Alle weiteren Ratschläge bauen darauf auf. [...] Die zweite Regel und die gilt ebenfalls für alle im weiteren Verlauf beschriebenen Situationen: Beginnen Sie sich Gedanken zu machen, was diesen Menschen zu seinem Verhalten antreiben könnte, ohne ihr eigenes momentanes Gefühl einfließen zu lassen.
Der Mensch, der sie anlächelt tut dies nicht, um sie auf ihre eigene missliche Lage hinzuweisen. Womöglich findet er Sie hübsch oder noch verrückter- vielleicht möchte er Sie heiraten. Ein zorniges Gesicht könnte ihn möglicherweise verscheuchen, davon ist abzuraten. Stellen Sie sich einfach vor, der Mensch hat gerade gute Laune, ein gut ausgeprägtes Selbstbewusstsein und glaubt mit einem Lächeln in ihre Richtung, auch Ihnen etwas von seinem positiven Gefühl abgeben zu können. Aus einem erwiderten Lächeln sollen sich ganze Beziehungen ergeben haben, heißt es in der Wissenschaft.

Situation 2: Ein halbfremder Mensch grüßt Sie in der Öffentlichkeit

Ruhig bleiben ist wieder angesagt! In den meisten Fällen hat es erstmal niemand bemerkt, dass Ihnen jemand mit der Hand einen Gruß geschickt hat. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es auch niemand bemerken wird, wenn Sie ihn zurückgrüßen. Aber seien Sie vorsichtig. Ein Gruß zurück erzeugt eine unkontrollierbare Nähe zwischen Ihnen und dem Halbfremden. Es könnte dazu kommen, dass Sie schon beim nächsten Aufeinandertreffen mit demjenigen reden müssen. Überlegen Sie es sich also gut. Die Frage ist an der Stelle wieder: Was bewegt diesen Mann aus dem Fitness-Studio, mich zu grüßen? Eine Antwort darauf ist schwer zu finden, das hängt zu sehr vom jeweiligen Einzelfall ab. Aber in Frage kommen zum Beispiel wieder solch banale Dinge, wie Sympathie oder einfache Wiedererkennung. Manchmal grüßen Menschen auch bloß aus Versehen jemanden anders, Verwechslungen sind in diesem Szenario immer möglich. Selten bis gar nicht, so viel kann gesagt sein, will Ihnen jemand aber etwas Böses im Sinne einer öffentlichen Bloßstellung. Uninspiriertes Wegblicken mit der Botschaft: "Ich hab dich gar nicht gesehen", hat auf beiden Seiten ausschließlich negative Folgen, denn der Gegenüber bemerkt, wenn Sie ihn sehr wohl gesehen haben. Die für Sie unwahrscheinlichste aller Möglichkeiten, dass Sie jemand nett findet, hat in der Praxis eine erstaunlich hohe Quote. Wir reden hier von über 90%!

Situation 3: Ein Sehrfremder berührt Sie ohne zu fragen

An dieser Stelle muss sehr differenziert vorgegangen werden. Berührungen zeichnen sich sowohl durch ihre Intensität, die Körperstelle als auch durch ihre Dauer aus. Aber in erster Linie ist die Intention zu hinterfragen. Ein Schlag in ihr Gesicht bietet keinen allzu großen Interpretationsspielraum. In einer solchen Situation können Sie dem Fremden ruhig mit Argwohn begegnen. Fässt Ihnen aber jemand von hinten an die Schulter (an dieser Stelle bitte kein Lied anstimmen, das lässt den Respekt vor dem Ernst der Lage vermissen!), sind sehr viele Optionen möglich. Ein Sehrfremder hat, wenn er mit Ihnen versucht durch eine Berührung in Kontakt zu kommen, meistens jede verbale Möglichkeit ausgeschöpft. Um Ihnen etwas mitzuteilen, braucht er Ihre Aufmerksamkeit, die er durch wiederholtes: "Bitte entschuldigen Sie!" aber nicht auf sich lenken konnte. In den Forschungen von Prof. Dr. men. Augenöffner nehmen Gründe wie: Hinweise, höfliche Fragen oder kleine Bitten fast 75% des gesamten Spektrums ein.
In Extrembereichen, die sich durch Umarmungen oder gar Küsse auszeichnen, spielen häufig starke emotionale Beeinflussungen eine Rolle. Herr Prof. Dr.  men. Augenöffner hat herausgefunden, dass es Menschen gibt, die ihr eigenes empfundenes Glück oft unkontrolliert mit anderen teilen möchten. In so einer Situation bietet es sich bei entsprechendem Geruch des Gegenübers an, sich von ihm oder ihr auf ein Getränk einladen zu lassen. Selbstverteidigung und Würgegriffe, gern als Reaktion darauf benutzt, haben wiederrum negative Folgen. Der Sehrfremde wird sein Glück aller Voraussicht nach nicht nochmal mit Ihnen teilen wollen. Sollten Sie sich auf die Schnelle von der Intention des Sehrfremden kein Bild machen können, bietet die Schockstarre einen Moment zum Nachdenken.

Situation 4: Ein Bekannter stellt Ihnen eine neugierige Frage

Mit "Bekannter" ist an dieser Stelle jemand gemeint, den Sie schon des öfteren gegrüßt haben. Es gibt zwischen Ihnen einerseits eine gewisse Vertrautheit, denn Sie würden ihn unter tausenden am Gesicht erkennen, aber anhand seines Lieblingsliedes würden Sie es wahrscheinlich nicht. Wenn Ihnen nun ein solcher Bekannter ganz plötzlich auf einer Party z.B. mitten im Gespräch eine ausnahmsweise nicht oberflächliche Frage stellt, müssen Sie als allererstes wieder ruhig bleiben. Sie können davon ausgehen, dass er nicht vom BKA verwanzt ist und niemand mithört. Schritt zwei ist wieder: Versuchen sie zu ergründen, warum Ihnen der Gegenüber eine solch intime Frage stellt. Dafür gibt es die verrücktesten Erklärungen. Oft tragen Menschen, wie Sie ihr Inneres ungewollt durch Mimiken und Gesichtsausdrücke nach außen. In dem Moment, in dem Sie jemand danach fragt, "ob denn alles in Ordnung ist", können Sie davon ausgehen, dass ihr Gesicht einen anderen Eindruck vermittelt. Damit sind Sie aber kein Einzelfall, eine Schockstarre ist hier unangebracht. Da es sich bisher lediglich um einen "Bekannten" handelt, können Sie frei heraus antworten. In den meisten Fällen, hat der Bekannte es bereits am nächsten Tag vergessen. Sollte er es nicht vergessen haben und sich vielleicht auch noch bei Ihnen melden, besteht die Möglichkeit, dass er ein gesteigertes Interesse an Ihnen entwickelt hat. Hier können Sie immernoch in alle Richtungen entscheiden, der Bekannte nimmt es Ihnen zu 80% nicht übel, wenn Sie nicht weiter darüber sprechen wollen. Die anderen 20% sind übrigens verliebt in Sie. Dazu hat Prof. Dr. men Augenöffner aber keine weiteren empirischen Ergebnisse, die veröffentlicht werden könnten.

Situation 5: Niemand redet, lächelt, berührt oder fragt in Ihre Richtung

Hier kommt es im Besonderen darauf an festzustellen, ob Ihnen das gefällt oder nicht. Sollten Sie mit Ihrer Ruhe um Sie herum zufrieden sein und sich wohl fühlen, haben Sie in der Vergangenheit immer die richtigen Signale gesendet. Sie haben es geschafft. Sollte diese Situation aber dazu führen, dass sie sich einsam und allein fühlen, ist hier die erste Regel: Gehen Sie vor einen Spiegel und betrachten Sie sich selbst! Suchen Sie nach horizontalen Falten in ihrem Gesicht und wägen Sie sie gegen die vertikalen auf. In den meisten Fällen ist das Verhältnis unausgeglichen zugunsten der vertikalen Falten. (Positive Emotionen und Erlebnisse sorgen für horizontale Falten, negative für vertikale. Man kann das nachprüfen, indem man sich mal lachend und zornig vor den Spiegel stellt). Nachdem Sie ihr Faltenverhältnis geprüft haben, müssen Sie den Willen entwickeln, sich aus dieser Situation zu befreien. Wie man Willen entwickelt haben Forscher bisher nicht ergründen können. Das ist immer experimentell. Sollten Sie dann über den nötigen Willen verfügen, gehen sie raus auf die Straße und zwingen sich dazu, Fremde/Halbfremde/Sehrfremde oder Bekannte anzulächeln. Lassen Sie ihr iPhone zu Hause und fragen sie Fremde nach dem Weg. Nach einem Gewinn in der Lotterie, suchen Sie sich ein hübsches Mädel, nehmen es in den Arm und laden es auf einen Latte Macchiato ein, am besten gleich um die Ecke. Steigern Sie die Intensität kontinuierlich, bis aus Fremden schließlich Bekannte werden und möglicherweise vielleicht Freunde. Und tun Sie sich den Gefallen und schauen sie nach getaner Arbeit wieder in den Spiegel. Es hat schon Situationen gegeben, da stand plötzlich jemand neben einem und putzt auch seine Zähne.