Sonntag, 28. März 2010

Nur die Liebe zählt

Immer tiefer rutsche ich in meinen Autositz. Auf der Motorhaube spiegelt sich das orangefarbene Licht der Straßenlaternen. Ich weiß nicht, ob ich müde bin, oder ob mich das nasse Wetter so gähnen lässt. 300 Kilometer hab ich nun vor mir. Der Fahrer hängt permanent am Telefon und quatsch etwas von: "Trenn dich von dem, der hat dich nicht verdient!" Mir wird wirklich gleich schlecht. Diese Masche hab ich mit 14 Jahren abgelegt, das ist ja das allerletzte. Zum Glück hab ich Musik dabei. Ich schmeiß meinen iPOD an und es kommt das:



Ich beobachte mich selbst dabei, wie ich auf die Straße starre, um meine Gedanken zu verdrängen. Denn ich fahre weg. Und auf einmal bekomm ich Bauchschmerzen. Es ist einer dieser verdammten Sonntage im Herbst. Man war zu Besuch bei seiner Freundin. Die Zeit verging, wie im Flug und wenn man versucht genauer darüber nachzudenken, kann man sich irgendwie nur noch an die Mahlzeiten erinnern. [...] Eigentlich ist einem bewusst, dass morgen wenn der Alltag wieder beginnt, nur noch alles halb so schlimm ist, aber erstmal schießen einem die Tränen in die Augen. Ich erinnere mich an ihren Gesichtsausdruck, als das Auto langsam losrollte. Sie ballte die Faust, als wollte sie mir sagen: "Du schaffst das. Halt die Ohren steif!" [...] Dieses Bild brennt sich einem vor das innere Auge und man wird es die ganze Fahrt nicht los. Ich versuche, mich abzulenken: "Dienstag kriegst du schonwieder Besuch, da kommen die Jungs zum Fußballgucken. Mittwoch und Donnerstag ist auch Fußball. Und am nächsten Wochenende wolltest du mal wieder auf dein Rad steigen, das Wetter soll besser werden." Damit kriegst du genau 2 Minuten um und irgendwie ist nichts vergleichbar mit dem lieblichen Geruch der eigenen Freundin, ihrem warmen Atem und ihrer leisen Stimme. Ich fange an, mir vorzustellen, was sie wohl jetzt gerade macht. Sicher hat sie Schokolade bei sich, sie wird ihre Nachttischlampe anhaben. Es wird "Nur die Liebe zählt" laufen und sie wird vor ihrem Laptop sitzen und sinnlosen Kram schreiben. Aus der Küche riecht es nach gebratenem Fisch und aus dem Bad klingt der Foen der Mutter, die es morgens immer nicht mehr schafft, ihre Haare zu waschen. Man kann sich für einen Moment nichts schöneres vorstellen. [...]
Ganz plötzlich erwacht man aus seinem Traum, weil einen der Fahrer auf die Schulter tippt: "Ich muss mal kurz runter, mir drückt die Blase. Musst du auch mal?" - "Nein, ich werd eine rauchen und warte auf dich."
Die Geräuschkulisse, die fetten Rasthofgäste, die sich die Eisbeine nur so reinleiern und dieses beschissene Wetter sorgen dafür, dass ich nur noch zurück will. Mich zieht es mit in dieses indirekt beleuchtete Zimmer mit der Schokolade und Kai Pflaume, mit 25° Raumtemperatur und dem Geruch der frischgwaschenen Wäsche aus dem Schrank.
Es schnürt mir den Hals zu, ich muss schlucken... "Der Wind" pustet mir Tränen in die Augen. Erst guck ich hoch, dann wieder runter und ganz plötzlich vibriert es in der Jackentasche:

"Hey Baby, ich sitze gerade vor dem Fernseher und schreibe sinnlosen Scheiss bei facebook. Unser Wochenende war wunderschön und ich hab eine kleine Überraschung für dich. Komm dich Freitag besuchen, mein Job fällt aus. Isle of YOU"

Was soll man dazu sagen? Ich balle meine Faust in der Tasche und beiße die Zähne zusammen. Plötzlich hab ich Lust auf Fußball, und Muttis Foen nervt auf einmal auch.

Freitag, 5. März 2010

Fickt euch doch!

Guckt sie euch mal an, die kleine Maus. Anneliese und Thilde kriegen immer einen Anfall, wenn sie ihr im Treppenhaus über den Weg laufen. "Ungezogenes Fretchen, diese Annabell. Wenn die mir noch einmal frech kommt, dann geh ich zu den Eltern. Mir reicht es langsam." Annabell wohnt mit ihren Eltern etwas ungünstig in einem Altbau. Die Wohnung an sich ist schön, aber leider sind die Nachbarn fast so alt, wie das Haus, was sie bewohnen. Irgendwie ist alles verboten. Kein Eis, kein Spielzeug im Hinterhof und um Gottes Willen soll sie nicht auf ihrer Mundharmonika spielen. Die mag sie seit sie einen Piratenfilm gesehen hat, in dem der Käpt'n immer so wunderschön "Wir sterben nie" gespielt hat. Da fährt sie voll drauf ab. Piraten sind eh geil, die versohlen diesen mitteleuropäischen Landwürstchen immer den Arsch mit einem Strick und zwei Kilo Äppeln. Allerdings darf sie nur noch zu bestimmten Zeiten Musik machen, sonst ruft Oma Dings-Bums immer sofort die Bullen. Annabell nennt sie immer liebevoll "Oma Bergfrühling", weil ihr Parfum riecht, wie wenn Mutti gewischt hat. Anna wundert sich oft, ob schonwieder Flurwoche ist, dabei ist die alte Tante einfach nur wieder vor ihr hergegangen. Wenn sie von der Schule kommt, will sie eigentlich ihre Ruhe. Sie ist geschafft von der vielen Rechnerei und der langweiligen Grammatik. Sowieso ist die Schule ganz schön anstrengend. Anna geht, das muss man an dieser Stelle sagen, wirklich gern zur Schule. Allerdings ist sie in den Naturwissenschaften nicht so gut. Ihr Mathelehrer sagt immer zu ihr, sie sei ein hoffnungsloser Fall. Aus ihr wird nie was werden. "Woher will dieser knochige Sack denn das wissen?" Er hat sie noch nie Mundharmonika spielen hören. Und dass sie letzten Monat den Lesewettbewerb an der Schule gewonnen hat, weiß er auch nicht. Der kennt nur seine langweiligen Dezimalbrüche.
Annas Eltern sind zu jedem Lehrersprechtag geladene Gäste und hören sich dann immer an, was ihre Annabell für eine freche Göre ist. Die regen sich dort nur noch auf. "Diese ganze Genration könne man vergessen, die haben nur Schrott im Hirn, klemmen an ihren Telefonen und haben keine Ahnung von Normen und Werten." Bla Bla Bla... Pauschaler Unsinn. Annas Mutti findet nämlich, das sie sehr viel und sehr lieb mit ihren Freundinnen spielt. Von fehlender Sozialkompetenz keine Spur, wie es von so vielen Leuten in ihre Richtung immer behauptet wird. [...] Komischerweise spielt sich diese Diskussion nicht in Annabells "Relevanzkorridor" ab. (In der Deutschstunde benutzte sie diese Redewendung letztens, um der Lehrerin klarzumachen, dass ihr irgendwas am Arsch vorbeiging. Die Deutschlehrerin schmunzelte in sich hinein. Sie mag nämlich Annas provokante Art und ihren Mut, sich nach außen selbst zu vertreten.)
Annabell geht mit all diesen negativen Geschichten über sie völlig entspannt um. "Was wollen sie denn von mir? Die Bergfrühling-Oma soll sich mal selbst überprüfen, ob dieser Geruch heutzutage noch hip ist. Und ihr ABF (Aller Bester Freund) Herr Krautwurm kann sich wahrscheinlich die Telefonnummern aus der ganzen Stadt merken, ist aber zu doof dort anzurufen und ein Gespräch zu führen." Wie Mathelehrer nun mal oft zu sein scheinen. [...] Anna hat letztens zu ihrer Mutter gesagt, nachdem diese wegen einer Beschwerde wieder mit ihr schimpfen musste: "Weißt du Mutti, die denken immer schon vorher, ich bin ein böses Mädchen. Warum haben die denn alle solche Vorurteile gegen mich? Wenn sie tolerieren würden, was wir machen, hätten wir auch Respekt. Aber für die steht meistens schon vorher fest, dass wir ungezogen sind." Darüber hat die Mutter lange nachgedacht! Und sie ist zu dem Schluss gekommen, dass sie unheimlich stolz auf ihre Tochter ist. Sie sagte mir in einem persönlichen Gespräch, dass ihr solche jungen Menschen -die auch mal Ärger provozieren- tausendmal lieber sind, als diese angepassten Ja-Sager, die im Prinzip nur den Mist ihrer Eltern nachplappern und irgendwann anfangen alles besser zu wissen. "Wissen Sie", sagte mir Annas Mutter: "Annabell hat noch nie jemandem wirklich boshaft etwas angetan. Wir müssen uns für Dinge rechtfertigen, die einfach in dieses wunderbare Alter gehören. Sie darf Kind sein bei uns. Das Verrückte ist aber, dass man manchmal denken könnte, sie wären reifer, als manch verbitterter Nörgler, ob in der Schule oder im Treppenhaus. Klar reden die Mädchen und Jungen heute anders. Da heißt es dann eben auch schnell mal: "Nich in dem Ton, Alter!" Solange sie aus Respekt vor anderen Menschen nur unter sich so reden, kann man da doch nichts dagegen haben. Und sagen Sie doch mal ehrlich, ist sie nicht unfassbar süß, wenn sie so den Stinkefinger zeigt?"
Ohne Frage Annabella. Mach dein Ding...