Sonntag, 12. Februar 2012

Eine kleine Zeitreise

(Es ist 2033 und mein Sohn kommt aus der Schule.)

"Papa, wir hatten heute in Geschichte das Thema der 3. Weltkrieg.

"Oh, schwere Kost. Und was hast du gelernt?

"Die erste Frage war. Wie konnte es dazu kommen? Du warst ja in der Anfangszeit dabei? Habt ihr das nicht gemerkt, worauf das hinauslaufen sollte?"

"Wir haben das nicht kommen sehen, nein."

"Aber wie kann das sein? Immerhin war durch das Internet doch für jeden jegliche Information zugänglich. Man konnte alles sehen, lesen oder sich anschauen. Unser Lehrer hat uns einige Seiten von damals gezeigt. Von Attac und Anonymous oder von der Wissensmanufaktur. Das war ja im 2. Weltkrieg noch völlig anders."

"Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Was meinst du denn genau?"

"Na also es war ja so: Wenn ich das richtig verstanden habe, hat alles angefangen mit einer Finanzkrise, weil habgierige Menschen den Hals nicht voll bekommen haben. Sowohl 1929, als auch 2008 bzw. 2011."

"Ja, das stimmt."

"Und darauf folgten ganz rigide Sparmaßnahmen, die das einfache Volk an den Rande der Armut brachten. Angefangen mit den Griechen 2011. Die waren ja als erstes dran."

"Genau, ich erinnere mich."

"Dann wurde 1933 durch Hitler der Bevölkerung Angst eingejagt vor den Juden, die den Reichstag angezündet haben sollen und so weiter. Dasselbe wie 2001 mit dem World Trade Center. Nur da waren es Moslems, nein man nannte sie "Islamisten".

"Hmm... ja, das kann man so sehen. Das ist schon parallel."

"Dann ging es weiter. Aus der strategisch geschürten Angst war es ein leichtes, die Bürgerrechte beinah komplett abzuschaffen. '33 oder 2011. Ist euch nicht aufgefallen, wie ihr irgendwann fast gar keine Rechte mehr hattet? Dass ihr nicht mehr frei wart? Die Überwachung der Gestapo war im Prinzip ein Witz gegen das, was im digitalen Zeitalter möglich war. Die wussten ja immer, wo ihr gerade seid. Sie konnten ja jedes Gespräch mithören und waren dadurch immer einen Schritt voraus."

"Es hieß, das hilft uns gegen Terror zu schützen. Wir mussten uns sogar nackt scannen lassen, wenn wir in ein Flugzeug gestiegen sind."

"Ist dir nie das Wort Gleichschaltung in den Sinn gekommen, als du dir angesehen hast, wie gleich die Medien darüber berichtet haben oder was in den Schulen gelehrt wurde? Du bist doch Lehrer geworden. Ist dir nicht aufgefallen, dass das der Inhalt der Lehrbücher nicht mit dem zusammenpasste, was wirklich passierte?

"Nein, ist es nicht."

"Die Nazis haben Bücher verbrannt. 2011 hat man das Internet zensiert. Kritische Autoren als Linksextremisten stigmatisiert."

"Stigmatisiert? Was lernst du denn für Wörter, verflucht?"

"Mach dich nicht lustig. Es ist mir sehr ernst."

"Entschuldigung. Aber sei nicht so frech."

"Es ist alles so unglaublich. Ihr hattet doch alles schon erlebt. Haben deine Großeltern darüber nicht geredet? Hattest du kein Geschichte? Hast du die Zeiten nicht verglichen? Die Spaltung der Gesellschaft, die Gleichschaltung durch eine Ideologie, ob an die Rasse angelehnt oder an die Zivilisierte Welt. Das ist ja völlig egal. Es gab dutzende Filme, Bücher und Leute die es regelrecht in die Welt geschrien haben"

"Heute ist mir alles klar. Oder zumindest klarer. Heute fällt mir auf, dass man uns mit dem Dschungelcamp und Germany's next Topmodel nur ablenken wollte von der Realität. Die Menschen dachten es sei alles OK. Wir haben den Regierungen vertraut."

"Vertraut? Wenn man dir verbietet, deine Meinung offen zu sagen? Wenn friedliche Demonstranten auf der Straße verprügelt werden? Wenn man Künstlern das Maul verbietet? Wenn man Menschen foltert in Guantanamo? Ganze Regionen ausbeutet und deren Despoten unterstützt? Bombenangriffe auf Länder mit Bodenschätzen fliegt? Wow. Da wart ihr entweder alle ziemlich blöd oder desinteressiert am Schicksal dieser Menschen."

"So einfach ist das nicht. Du machst es dir viel zu einfach. Was hätte ich allein denn tun sollen? Was hätten wir schon tun können?"

"Unser Lehrer hat gesagt, dass es unfassbar ist, dass gerade Deutschland so wenig dagegen unternommen hat. Immerhin hatten die zwei Unrechtssysteme erlebt in ihrer Geschichte. Habt ihr das alles vergessen?"

"Nein, nicht vergessen. Aber es war nicht so deutlich, wie heute! Damals dachte man die da Oben wüssten, was sie tun. Die Menschheit hatte ja für ihre Freiheit gekämpft. Wir erkannten nicht, dass es eine Illusion war."


"Wie?"

"Wir fühlten uns frei. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Aber heute weiß ich, dass ich das Privileg hatte in Deutschland geboren zu sein. In ein erträgliches Umfeld. Wir hatten keine Slums. Und nur weil wir in der sogenannten Informationsgesellschaft gelebt haben, hat das nicht bedeutet, dass wir auch wirklich informiert wurden. Es war rückblickend viel leichter uns zu manipulieren, als wir es uns jemals hätten vorstellen können. Es hieß, wir verteilen Schultüten in Afghanistan. Heute weiß man ja, dass das nicht stimmte."


"Horst Köhler hieß doch der Präsident, der öffentlich sagte, was dort wirklich los ist. War das nicht verwunderlich, dass er einen Tag später aus sehr fragwürdigen Gründen zurücktrat?"

"Den hat niemand ernst genommen. Aber komisch war es schon. Nur kam ganz schnell wieder die Meldung über ein Erdbeben in Haiti. Sobald sowas rauskam, zeigte man uns Katastrophenbilder aus der Welt und alles konzentrierte sich darauf."

"Wenn du könntest und du in der Zeit zurück könntest, was würdest du anders machen?"

"Ich würde meine Meinung sagen, versuchen Leute zu überzeugen. Würde den Schwachen zur Seite stehen, mich für Arme einsetzen. Ich würde meinen Konsum reduzieren, den Medien nicht so blind vertrauen. Ich würde mir ein eigenes Bild machen, Moslems treffen. Ich würde lesen, zuhören, versuchen zu verstehen. Ich würde kritisch sein und nicht mehr so leichtgläubig. Ich würde mich von Menschen nicht mehr als Verschwörer bezeichnen lassen. Ich würde Nein sagen."

"Wenn du mir versprichst, dass du mich mit Mutti wieder zeugst. Dann kann ich dich zurückschicken ins Jahr 2012. Würde das reichen? Das war kurz vor den Angriffen auf Syrien und den Iran. Nur kurz vor den Terroranschlägen von Deutschland. Kurz vor der Solidarisierung der Nordafrikaner. Kurz vor der letzten Schlacht um Jerusalem. Das müsste reichen, um was zu verändern oder?"

"Du spinnst doch. Wie willst du das machen?"

"Gib mal deine Hände."

"Warte, was machst du? Oh, mein Gott. Was ist das denn für ein Ding?"


[...] Plötzlich ging alles ganz schnell. Ich hatte mir eine Zeitreise immer anders vorgestellt. Kein Tunnel in Neonfarben, keine Technomucke und keine wilde Abfahrt. Ich saß einfach wieder da, wo ich schon einmal saß. Auf meiner Couch zu Hause in meiner Studentenbude. Die Zukunft war gelöscht, ich wusste nicht mehr, wer meine Frau werden würde. Kacke, ich hatte meinem Sohn versprochen, ihn wieder zu zeugen. Das hat mich in den ersten Minuten am meisten beschäftigt. Ich hatte ich mich auch in der Zukunft nicht verändert. Ich saß vor dem TV und chattete mit einer Caro. Am Tag darauf war ein Sonntag und ich begann mir die Nachrichten anzusehen. Irgendwie mit anderen Augen. Es lösten sich so viele Widersprüche auf. Alles war so deutlich.

Ab morgen werde ich meine Zweifel äußern. Ich habe es meinem Sohn versprochen. Immer wenn mir was auffällt, werde ich es sagen. Ich will dieses Gespräch in der Form nicht mehr führen müssen. Niemals. Nichts getan zu haben, macht einem unfassbare Bauchschmerzen. Das wünsche ich niemandem. Alles werde ich dafür geben, die Demokratie zu beschützen. So wie sie mal gedacht war. Und morgen fange ich an. Ich werde einen 12. Klässler kontaktieren und mir von ihm erklären lassen, wie das damals anfing mit dem 2. Weltkrieg und der schlimmsten Katastrophe bis heute. Und dann nehm ich einen Zettel und mache eine Tabelle, stelle alles gegenüber, was sich in meinen Augen ähnelt und ich knalle es jedem ins Gesicht, der denkt, er wisse besser bescheid über Finanzmärkte und Börsen und Öl und über Kameltreiber und Mulucken und Terrorsisten und über die "Zivilisation". Vielleicht schreib ich es auch auf eine Baseballkeule, das verleiht der Sache mehr Nachdruck. Und ich glaube, ich schlage von vorne zu, damit man es kurz vor dem Aufprall schön groß lesen kann. Tut euch mal den Gefallen und speichert das Foto. Verschiebt man den Regler für Sättigung. Ein toller Effekt, der zeigt, dass man es selbst in der Hand hat.

Reichstag in Berlin Collage 1945 und 2011



1 Kommentar: