"Das Fernsehen ist ein Massenmedium. Wenn du dort zu sehr polarisierst ist das schön für's Feuilleton, aber die Leute lassen dich dann vielleicht nicht mehr so gern ins Wohnzimmer."
(Markus Lanz im Stern 2008)
Wenn 100.000 Menschen innerhalb einer einzigen Woche eine Petition unterschreiben, die sich zum Ziel gesetzt hat, Markus Lanz aus dem gebührenfinanzierten Fernsehen zu vertreiben, könnte man doch sagen "sie wollen ihn nicht mehr in ihrem Wohnzimmer haben". Die Antwort warum sie das wollen gibt uns Markus Lanz ja auch schon selbst. Er war zu polarisierend. Seine Gangart wird von der Presse im Nachgang jeder Sendung als "ruppig" oder "knallhart" beschrieben. Als wäre seine Art der Fragestellung und Moderation eine fordernde und bohrende.
Das ist sie aber nicht.
Die Art und Weise, wie Markus Lanz seit mehr als 150 Sendungen mit seinen Gästen umspringt lässt sich mit journalistischen Vokabeln nicht mehr beschreiben. Verkürzt dargestellt läuft die Sendung immer auf dieselbe Art und Weise ab. Direkt neben Lanz sitzt derjenige, der in der Sendung eine Sonderbehandlung bekommt. Am weitesten entfernt von Lanz sitzt dann derjenige, der Lanz dabei unterstützen soll. Ein Kreuzverhör. So haben es die Zuschauer zig Male erlebt und scheinbar eine Methode erkannt. Schaut man sich an, welchen Themen er sich dabei widmet, wen er dafür einlädt und wer gerade die Macht im Rundfunkrat inne hat, verzieht so langsam der Nebel um die Arbeit von Markus Lanz.
Entgegen der Meinung der meisten Kritiker von Markus Lanz finde ich nicht, dass er seine Arbeit schlecht macht. Im Gegenteil. Er führt seinen Job nahezu in Perfektion aus. Die Frage muss meiner Meinung nach also eher heißen: Welchen Job hat Markus Lanz überhaupt?
Man sollte vermuten, dass diese Sendung dazu da ist, Menschen die etwas zu sagen haben eine Plattform zu bieten, um die Gesellschaft an ihren Gedanken teilhaben zu lassen. Ich denke so betrachten die meisten Zuschauer den Sinn so einer Talkshow. Wenn man dann aber in einer kurzen Vorstellungsrunde die Gäste als "Neostalinisten", "Verschwörungstheoretiker" und "Hassprediger" begrüßt bietet man keine Plattform sondern... Ja, was ist das eigentlich? Letztlich nichts als der schlecht getarnte Versuch jedem Zuschauer einen Gedanken einzupflanzen, den er möglichst den Rest des Abends nicht mehr aus dem Kopf verliert. "Euro rein oder raus, Frau Wagenknecht?" - "Aber Sie sind schon jemand, der Gewalt nicht abgeneigt ist, Herr Vogel oder? Immerhin haben sie mal mit einem Stein einer Katze vom Baum geholfen."
Diese Sendung kann also keinen journalistischen Charakter haben. Allein aus dieser einen Tatsache heraus. Was aber dann? Man muss kein Ermittler sein, um herauszufinden, wem Markus Lanz mit seiner Interviewmethode nützt. Es ist immer die gegenwärtige Bundesregierung. Und das waren einige seitdem er 1998 bei RTL das hochinvestigative Format "Explosiv" übernommen hat. Scheinbar hat er dabei einen so guten Job gemacht, dass man ihn aus Sicht des ZDF für Aufgaben in einer anderen Zielgruppe einsetzen kann.
Diese Zielgruppe ist im Schnitt 50 oder älter, Internet ist Neuland für sie und sie bildet die größte Gruppe der CDU Wähler. Wenn deren Weltbild durch aufgeworfene Fragen erschüttert wird ist das für die Regierung also nicht angenehm.
Es lösen sich ziemlich schnell alle widersprüchlichen Argumente für oder gegen Markus Lanz in Luft auf, wenn man verstanden hat welche Aufgabe der Moderator Lanz hat. Und das Beispiel mit Sarah Wagenknecht eignet sich daher so wunderbar dieses Problem zu erläutern, weil man erkennen kann, wie existenziell die Problematik der Euro-Debatte zu sein scheint. Ich hab einen Freund, der mir am Tag der Sendung eine SMS schrieb mit dem Inhalt: "Mach Lanz an. Der will es der Wagenknecht zeigen."
Markus Lanz gehört zu einer exklusiven Gruppe in Deutschland.
Die Systembeschützer.
Ihre Aufgabe ist eigentlich ziemlich einfach. Sie sind Mediengesichter, die sicherstellen, dass sich die öffentliche Meinung nicht unangenehm verschiebt. Etwa, dass eine Bevölkerung merkt, wie sie mittlerweile aus Brüssel an der Nase herumgeführt wird. An dieser Stelle springen Sandra Maischberger, Anne Will, Günther Jauch oder Reinhold Beckmann in den Ring und wollen einer Repräsentationsfigur den Satz aus der Nase ziehen, dass sie gegen eine europäische Integration ist. Markus Lanz ist mittlerweile wohl als der bissigste seiner Zunft zu bezeichnen. Mit einem ermittelnden Blick und dem Zeigefinger an der Unterlippe wartet er, dem Interviewpartner ausladend zugewandt, auf jede Gelegenheit, die es ihm ermöglicht, den Gesprächspartner bloßzustellen.
Betrachtet man die Körpersprache von Markus Lanz über so eine Sendung hinweg, fällt einem Laien auf, dass er höchst selten mitdenkt. Nicht etwa, weil es nicht dazu in der Lage ist, sondern weil in seinem Kopf ganz andere Fragen und Probleme gelöst werden müssen. Dadurch gelingt es ihm sehr ungenügend seine Gesprächspartner argumentativ zu entwaffnen. Sein Blick schwenkt zwischen Kärtchen und Himmel hin und her. Er runzelt die Stirn und ist eigentlich vollkommen hilflos, sobald ihm jemand gegenübersitzt, der plausible Argumente vorbringt. Das ist aber überhaupt nicht weiter schlimm. War eine Sendung wieder unerträglich, kommen die Print- und Onlinemedien auf die Tagesordnung und empfehlen dem Scheininformierten "doch einfach auszuschalten", wenn es ihm nicht gefällt. Die Empörung einer schnell wachsenden Gemeinde wird als "Angriff auf die Pressefreiheit" dargestellt. War er halt wieder ein bisschen forsch, der kleiner Bursch.
Das öffentlich-rechtliche System ist nichts anderes als eine Schutzschicht für politische Entscheidungsträger und jeder bekommt seine Aufgabe zugeteilt. "Du hast dich bewährt, treue Dienste der Manipulation geleistet. Den Bürger bei RTL über die massenhaften Hundeangriffe auf Spielplätzen informiert, Angst und Schrecken verbreitet und jetzt darfst du Deutschlands Prominenz hofieren. Ab und zu setzen wir dir mal einen rein, den du zur inneren Weißglut bringen musst, ansonsten erzählen Per Kusmagk, Franjo Pooth und Desiree Nick von ihren Gebrechen und Eskapaden. Du bist jetzt in der Champions League, Markus."
Champions League. Und wer sich ein bisschen auskennt weiß, dass man da nicht zufällig rein gerät.
Mit anderen Worten: Der Lanz, der kann's!

