Mittwoch, 1. Januar 2014

Das Jahr ist zu Ende


Na und? 

Wenn wir ehrlich sind ist es bloß gut, dass dieser eine Abend, an dem das Ende des Jahres so ausführlich besprochen und gefeiert wird, zu Ende ist. Eine wirkliche Veränderung ist nicht zu erkennen, außer dass es auf der Straße stinkt wie Hupatz und alles dreckig ist. Es kommt dir ein aufgequollenes Bleichgesicht nach dem anderen entgegen und türkische Straßenfeger denken über unsere Kultur nach, während sie versuchen Kotze von Böllern zu trennen.

Wie jedem Deutschen kam mir heute die krachende Neujahrsansprache unserer Kanzlerin in den Sinn. Ich fühle mich richtig motiviert anzupacken. Generell anzufangen. Die Kanzlerin hat es nicht so deutlich auf den Punkt gebracht, aber sie sagte sinngemäß, dass es einfach ist, sich tonnenvoll an einem Lagerfeuer zu sagen, wie viel anders alles wird im kommenden Jahr. Also MORGEN. Heute noch, ... aber dann morgen werde ich so sein, wie mein Chef mich braucht. Belastbar, kreativ und vor allem authentisch. Meine Freundin wird mich mitdenken sehen und meine vierundzwanzig verantwortlichen Ämter kriegen alles, was sie brauchen. Pünktlich im Rahmen der Fristen. Ich werde aufhören das zu tun, was mir Spaß macht, weil mich das von meinem Weg abbringt.

Und dann?

Wenn wir ehrlich sind, ist jede Veränderung in unserem Leben eingetreten, wenn wir gesagt haben HEUTE werde ich belastbar sein oder dem Amt pünktlich meine Unterlagen übergeben. Sobald man die angestrebte Veränderung in die Zukunft verschiebt ist sie eigentlich schon abgeheftet. 

Wie jeder Schüler heute weiß, haben wir vor 2014 Jahren angefangen unsere Zeit zu zählen. Aber was hat das eigentlich gebracht? Die Kanzlerin hat es nicht so deutlich gemacht, aber sie sagte sinngemäß, dass ein (wildes, turbulentes) Jahr zu Ende ist. Wir haben jahrelang Pferde gegessen und uns dabei nur über die schlechte Würze von Tiefkühl-Lasagne beschwert. Unsere Politiker gucken Journalistinnen auf die Titten, machen dämliche Witze und schnarchen danach beim verrotzten Kichern. Mit deutscher Waffentechnologie wird jedes 3. Kind getötet und abgehört wird sowieso, aber das ist ja vom Tisch. In zwei Jahren kann keiner mehr genau sagen, was genau der Unterschied zwischen der NSA- und der NSU-Affäre war.

Na und?

Wenn wir ehrlich sind, geht uns das am Arsch vorbei. Das Jahr wird in den Schrank gestellt, wie eine externe Festplatte beschriftet und irgendwann kann man sicher drüber lachen, wenn man es sich mal wieder ansieht. Gut, dass wir diese Festplatten wenigstens haben. Zum Ende des Jahres wird man ja mit Alkohol regelrecht ersäuft. Nach dem Oktoberfest ist der Weihnachtsmarkt und dann kommt Silvester. Da bleibt dem Gedächtnis kaum was übrig. In diese Zeit werden gern die Wahlen gelegt und noch viel wichtiger die Verhandlungen für unseren Koalitionsvertrag. Mit 3,4 Volt Spannung auf der kognitiven Zentrale liest sich so ein Koalitionsvertrag etwas zäh.

Wie jeder Deutsche habe ich mir diesen Erguss angesehen und mich bei der Ansprache der Kanzlerin gewundert. Sie hat es nicht sehr deutlich differenziert, aber sie sagte sinngemäß, dass sie selbst sich vornimmt, um Familien zu kümmern um die Bildung und um Frieden und Sicherheit in der Welt. Wir waren schon beim "Vorglühen", daher dachte ich erst, ich habe mich verhört. War aber nicht so. Sie sagt etwas, wovon sie genau weiß, dass im neuen Koalitionsvertrag exakt das Gegenteil steht. Dabei spricht sie mit einer Stimme als säße sie inmitten einer Gruppe von ganz vielen Ratzingers.

Und dann?

Wenn wir ehrlich sind, können wir es immer kaum erwarten, dass so ein Jahr vorbei ist. Endlich muss ich mich nicht mehr mit dem Scheiß von gestern und vorgestern befassen. Jetzt beginnt etwas Neues. Wir zünden eine selbstgekaufte Blendgranate nach der anderen und können nichts mehr sehen, hören und fühlen. Die anerkannten Zeitschriften helfen uns für das kommende Jahr etwas auf die Sprünge und erläutern uns, "was im kommenden Jahr wichtig wird". Wie dumm wäre eine Regierung, wenn sie uns schon im Vorfeld als Bürger darüber informieren würde, was wichtig ist? Sie wäre so dumm wie wir. Weil wir es glauben!

Wie jeder Mensch will ich immer, dass sich die Dinge zum Guten verändern. Die Kanzlerin hat es nicht so einfach auf den Punkt gebracht, aber sie sagte sinngemäß, dass der Fortschritt zu erkennen ist, den Deutschland macht und dass wir alle nun mit anpacken müssen. Das Wort Fortschritt wird auf einmal ganz mini klein, wenn man sich nur ein einziges mal über die Unendlichkeit von Zeit einen Gedanken macht. Die Zeit verläuft in beide Richtungen unendlich. Sowohl in die Zukunft, als auch in die Vergangenheit. Das bedeutet, es hat nie einen Anfang gegeben. Und es wird auch nie ein Ende geben. Ich muss richtig lachen, wie absurd das eigentlich ist, einen kaum existenten Abschnitt von ein paar tausend Jahren zu beschriften.

Na und dann?

Werden wir merken, dass wir genau die Veränderung sind, die wir uns wünschen. Genau wie Ghandi es sagte. Aber wir sind in Raum und Zeit gefangen. Mit anderen Worten, es pendeln Millionen von Menschen zwischen Arbeits- und Schlafraum und fahren nebenbei durch einen Zeitabschnitt auf Schienen.

Wie jeder Mensch bin ich glücklich, wenn ich frei entscheiden, einfach leben, kompliziert denken und leidenschaftlich lieben kann. Mehr will in meisten Fällen niemand. Die Kanzlerin hat dazu gar nichts gesagt. Ich war dann auch froh, dass das vorbei war. Ich bin generell froh, dass jetzt alles vorbei ist.

Nur gibt es eben dieses eine Problem. Es gibt kein Ende.

Mit anderen Worten: Raus hier!





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