Dienstag, 26. August 2014

Du willst etwas Gutes tun?

Wirklich? Seit wann willst du denn was Gutes tun? Was ist passiert, dass es dich plötzlich schert, unter welchen Krankheiten fremde Menschen leiden? Wo du doch speziell von ALS vorher noch nie gehört hast. Oder irre ich mich und du verfolgst den Forschungsstand bereits seit Jahren und bist froh, dass nun endlich die öffentliche Aufmerksamkeit vorhanden ist? Wenn man sich deine Facebook-Seite ansieht, hast du eigentlich vorher nur Katzenfotos und Bling-Bling Bildchen deiner Lieblingsprominenten gepostet! Woher dieser Sinneswandel? Die Welt da draußen ist dir doch scheißegal, wenn du ehrlich bist. Ich frag mich nur, was du als nächstes machen willst? Titten zeigen für den Frieden in GAZA? Oder ins Knie schießen wegen der neu aufgelegten Vorratsdatenspeicherung? Deine politische oder gesellschaftliche Partizipationskraft ist riesig, also nutze sie auch. Am besten, indem du dich von Freunden mit dem Handy dabei filmen lässt, wie du dir absichtlich in die Hosen scheißt, um dich solidarisch mit Ostukrainischen Kindern zu zeigen, die sich täglich wahrhaftig in die Hosen scheißen. Aus Angst!

Du tust nichts Gutes. Im Gegenteil sogar. Du tust etwas sehr Schlechtes. Nicht nur, dass du einen Eimer reinsten Trinkwassers über deinen von Kosmetika verklebten Körper ins Grundwasser gießt, du sorgst mit deiner Aktion zudem für eine inakzeptable Relevanzverschiebung der gesellschaftlichen Probleme. Versteh mich nicht falsch. Krankheiten sind beschissen. Aber wenn man unter ALS leidet bringen einem Millionen Menschen, die sich mit Eiswürfeln begießen rein gar nichts. Es wird nicht lange dauern, da ist dieser Hype vorbei und die Erkrankten leiden weiterhin unter ihren Symptomen. Und wer die Aktion boykottiert, überweist wahrscheinlich nur in den seltensten Fällen auch die 100,-$ an die dafür vorgesehene Stiftung. Ich persönlich kenne nur eine einzige Frau, die mit dem Slogan "Spenden statt Verschwenden" direkt in ihr eigenes Portemonaie griff.

Du hirnloser Lemming redest nur, wenn es die anderen auch tun. Du handelst nur, wenn du die heuchlerische Anerkennung deiner Social-Network-Abonenten erwarten kannst. Ohne Kamera würdest du dir niemals kaltes Wasser über den Kopf gießen. Ich weiß das, denn ich hab es dir schon mehrmals vorgeschlagen. Du hast mir einen Vogel gezeigt und mich für blöd erklärt.

Deine Kinder werden irgendwann in ein paar Jahren deine Facebook-Chronik unter die Lupe nehmen und rekapitulieren, was du in deiner Sturm und Drang Phase gegen Ungerechtigkeiten unternommen hast. Und du kannst dich jetzt schon schämen, wenn es am Ende heißen wird: Du hast dich mit Wasser übergossen. In einer Zeit, in der weltweit Menschen abgeschlachtet, ausgehungert, ausgeräuchert und verfolgt wurden. Was für ein Erbe!

Es regnet. Blut in Gaza und Donetsk. Eiswürfel im entgleist dekadenten Westen. Du hast dich für lächerliche 15 Likes völlig zur Nuss gemacht. Herzlichen Glückwunsch. Ich wünsche dir gute Besserung. Wahrscheinlich hast du es nötiger, als jeder an ALS Erkrankte.

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