Es gab wirklich Zeiten, da dachte man als erstes an Würstchen, wenn jemand von Halberstadt sprach. 50% Schweinefleisch und 50% Rindfleisch. Das war wirklich eine Knallermischung. Was in Bad Schwartau die Marmelade und in Dijon der Senf, das waren in Halberstadt die Würstchen. Der Rinderwahn sorgte dafür, dass der Anteil an Rindfleisch komplett aus den Würsten verschwand und sie heute wie aus der Billigproduktion in Rheda Wiedenbrück schmecken. [...] Kannst du voll vergessen.Wenn ich heute sage, ich käme aus Halberstadt, dann antworten mir die Leute: "Ach, das kenn ich. Gab es da nicht mal so einen fetten Domküster, der kiloweise Koks im Tabernakel gebunkert hat, um es dann von Vietnamesen und Schwarzafrikanern irgendwo am Bahndamm verticken zu lassen?" Den gab es wirklich. Und wir hatten auch mal einen aufgeblasenen Kleinstadtgangster mit einer Lokomotive auf der Stirn, der meinte, er müsse sich als der "Pate von Halberstadt" aufspielen und Sexualstraftätern in ihrem Freigang einen Besuch im Puff ermöglichen. Könnt ihr alles nachlesen. Die Bild gibt sich wahnsinnig Mühe mit Halberstadt. Dieser Stadt im absoluten Osten der Republik. In Heimat- und Sachkunde in der 4. Klasse hab ich gelernt, dass 50.000 Menschen in Halberstadt wohnen. Heute sind es vielleicht noch 30.000 maximal. So mögen es RTL und die BILD. Die Jugend verpisst sich fast komplett, es herrschen alte verbitterte Rentner die NPD wählen und hier und da wird mal eine Gruppe bulgarischer Musiker nach einer Premierenfeier halb tot geschlagen. Wenn ich ein Türke aus Paderborn wäre und mit meiner Schwester zusammen studieren würde [...] ich wüsste nicht, ob ich einer Einladung nach Halberstadt folgen würde. Am Ende krieg ich noch die Jacke voll. Dann hat sich mein Besuch aber gelohnt.
Aber liegt das an der Stadt Halberstadt? Was kann dieser Ort mit seiner langen Geschichte und seiner wirklich wunderschönen Lage dafür? Letztlich ist es nichts anderes, als ein Fleck Erde, auf dem einfach die falschen Menschen das Ruder in der Hand halten. Das tolle Panorama der Stadt hat keinen Anteil daran, dass es die NPD schafft, ein Konzert von Konstantin Wecker zu verhindern, indem sie mit "aktiver Teilnahme" droht. Da scheissen sich Entscheidungsträger vor einer Horde Glatzköppe in die Hose und sagen ein geplantes Konzert ab. [...] Toll, jetzt berichtet auch noch die Tagesschau über Halberstadt. Wahrscheinlich war das Stadtparlament froh, keinen "Brennpunkt" erleiden zu müssen. Mir wäre es einen Wert gewesen, so viel Nazimuff lag da in der Luft. Trafen sich am Wochenende "Fußballfans" aus Halberstadt und Magdeburg am Friedensstadion, dachte ich manchmal, das BKA fahndet nach RAF-Terroristen, so viele waren das. Eine ganze Armee begleitet volltrunkene Glatzköpfe mit schwarzen T-Shirts bis ins Stadion und warten dann brav davor, bis sie noch voller sind und bringen sie wieder zurück zum Zug. Unfassbar. Aber wenn das Orchester des Theaters zusammengeschlagen wird und sie einen Notruf absetzen, kommt ein kleines Sixpack der Polizei mit 4 Auszubildenden angetuckert und wartet auf der anderen Straßenseite, bis keine Gefahr mehr droht. Die Täter rennen weg und die Polizei gründet eine Task-Force, die bei der Fahndung helfen soll. Dabei wäre es ein leichtes gewesen, auf die andere Straßenseite zu gehen und den Kerlen eine Acht um die Handgelenke zu legen. Das Ende vom Lied wird sein, dass sie eine milde Strafe erwartet, weil sie von ihren Osteltern dazu gezwungen wurden, sich als Kleinkind auf den Topf zu setzen und nicht in die Pampers zu kackern. Die Polizei wird eine Etaterhöhung beantragen, damit ihre Auszubildenden in Zukunft mit Helm und Schild anrücken können. Es wird wieder an den Symptomen gedoktert, anstatt die Ursachen zu erfragen. Wieso rennen Jugendliche abends auf die Straße und schlagen auf Künstler ein? Ganz einfach [...], weil sie nichts zu tun haben. Wenn ich ein Jugendlicher wäre in Halberstadt, der den ganzen Tag auf einem Gerüst steht und bei 15° minus Fenster anschraubt, dann würde ich jedem meiner Kumpels einen Vogel zeigen, wenn sie mich um 21:00 Uhr anrufen und fragen, ob wir ein paar "Ausländer klatschen" wollen. Da bin ich froh, dass ich zu Hause bin und Günther Jauch gucken kann. Viel lieber würde ich vielleicht in einen kleinen Club gehen und Skat spielen, oder Kickern. Diese Clubs gibt es aber nicht mehr, aus finanziellen Gründen. Dafür haben die Bullen jetzt aber schicke Helme und Knüppel.
Konstantin Wecker kam dann übrigens doch noch nach Halberstadt. Und da konnte die Polizei dann zeigen, wie wichtig die neuen Schlagstöcke waren, als sie auf linke Demonstranten eindroschen, um die "Bevölkerung zu schützen". Auf den Plakaten stand nichts anderes, als "Nazis raus" oder "Der NPD die Stirn bieten". [...]
Viele wunderschöne Jahre hab ich in Halberstadt verbracht, habe Würstchen gegessen, Skat gespielt und meine Unschuld verloren. Und heute muss ich mich manchmal schämen mit meinem Abi T-Shirt: "Gymnasium Martineum Halberstadt".
So true...
AntwortenLöschen