Wärmegewitter im Sommer haben einige besondere Eigenschaften, die man auf den ersten Blick nicht so recht erkennen mag. Erstmal ist es einem unwohl und nichts, was man sich wünschen würde. [...] Es ist eine knallharte Geschichte, wenn man es nicht schnell ins trockene schafft. Das Unheil beginnt schon relativ früh. Den ganzen Tag drückt es einem im Oberkörper vor Hitze und man merkt erst auf der Straße, dass der graue Himmel nicht zur gefühlten Temperatur passt. Der aufkommende Wind verrät einem, dass es gleich losgeht. Überall räumen sie weg, was sie greifen können. Die Taxifahrer springen in ihre Autos und die Frau vom Backshop fliegt mit ihrem Aufsteller durchs Bild. Man sieht, wie sich alle Leute orientieren. Jeder guckt in den Himmel und überlegt, wann die Bahn kommt, oder wo der bestellte "Herr Gemahl denn mit dem Auto bleibt?". Der erste Tropfen, den man dann abbekommt fühlt sich an, wie eine Dose Cola so groß. Eigentlich wollte man schnell wieder zu Hause sein und man hätte auf 23 anderen Wegen nach Hause kommen können. Aber jetzt steht man da. Meistens in großen Gruppen vor Einkaufszentren, der AOK oder unter der Markise von einem Café. Den Frauen sieht man plötzlich an, wie sie wirklich aussehen und den Männern, wie viel sie doch für ihre Haare tun. Anders als sie immer zugeben. Taxigemeinschaften sind ein beliebtes Mittel, aber die stehen meist genauso lange, weil alle Taxen unterwegs sind. Tante Lotti aus der Sportgruppe abholen, die bei schönem Wetter eigentlich zu Fuß geht. [...] Wenn man auf die Straße guckt, würde man gern mal den Amazonas sehen. Bestimmt ein geiler Anblick denkt man sich und potenziert die Gosse hoch. Die Leute, die es auf die andere Straßenseite wagen oder aus dem Schutz der Markise, auf die schlägt es ein. Ein bisschen, wie in einem Thermalbad mit Massagedüsen. Volle Kaffeeekanne auf den Rücken. Tropfen so groß, wie Frösche. Die ersten beiden Schichten des Outfits sind in 2,8 Sekunden durch. Man erschrickt richtig, wie in der Freibad-Dusche. Halb angetrunken kann es sogar richtig Spaß machen, wenn man eh nur ein T-Shirt an hat. Da kann man auch mal durch Pfützen springen und jeden zweiten als typisch deutsch bezeichnen, der sein iPad vor Hagelschäden retten möchte. [...] Die Klamotten kleben, wenn man sie zu Hause ausziehen will. Als letztes will man blöde Sprüche hören von denen, die zu Hause saßen und das ganze "schon geahnt hatten". Sensationslust und Schadenfreude sind für mich ganz klar Sünden. Alles, was man zu erzählen hätte, kann man auch sehen. Man ist nass und gerade nochmal mit dem Leben davon gekommen. "Noch Fragen? OK, dann geh ich jetzt ins Bad." Und genau wenn man es ins Bad geschafft hat, kippt die ganze Sache. Die nassen Sachen sind versorgt. Man hat den dicken Pullover an und liegt später mit nassen Haaren auf dem Rücken. Der Puls würde wahrscheinlich vom Hausarzt als erhöht bezeichnet werden und schonwieder schwitzt man. Draußen ist es mittlerweile glasklar und frisch. In einem kitschigen Film bewegt sich jetzt auch noch die Gardine, aber wir haben keine dran.
Im Kopf fügt sich dann alles zusammen. Eine wirkliche Geschichte kann man ja gar nicht erzählen. Denn bis auf dass es geregnet hat und gestürmt, ist eigentlich nicht viel passiert. Doch: Ein Baum ist gespalten und meine zwei Lieblings-ItGirls haben sich durch einen Jahrhundertsturm gekämpft und sahen dabei aus, wie zwei explodierte Puppenständer. Wenn man genauer nachdenkt fällt einem eine Menge ein. Ich bin mir sicher, so entstehen Träume. Aus allem was man erlebt, das ist ja klar. Aber wenn es dann so gehäuft auftritt. Aus allem fügt sich was zusammen. Die vielen Menschen, alle mit demselben Problem. Die Gesichter der Leute. Die vielen Erkenntnisse- zum Beispiel, dass man beim nächsten Gewitter auf jeden Fall der erste ist, der ein Taxi anruft, bevor alle wieder besetzt sind. Die erste Cola Dose ist beim nächsten mal das Zeichen, sich ein Taxi zu rufen.
Meistens geht es schnell, bis man einschläft. In unserem Kopf muss es toben, da bin ich mir sicher. So viel Inspiration hat sonst nur ein Großereignis und man muss sich nur erinnern, wie man nach einem Festival-Wochenende ins Bett fällt. Als Kind ist das etwas ganz besonderes, die fahren noch nicht auf Festivals. Gute Eltern machen ihren Kindern also das Fenster auf und sagen ihnen, dass man nach Gewitter noch 5 Minuten die frische Luft reinlassen muss. Dann hat man die schönsten Träume, die man sich vorstellen kann. Das ist wie mit dem leeren Teller und dem guten Wetter. Wenn man ganz fest dran glaubt, dann klappt das auch wirklich.
Die frische Luft nach einem Gewitter, beschert einem die wunderbarsten Träume.



http://www.youtube.com/watch?v=VnMr56z9QIk
AntwortenLöschenexplodierte puppenständer sind mir vor kurzem in den schirm gerannt - den ich, umsichtig wie ich bin [damit mich das schreckliche schicksal oben genannter damen nicht ereilen möge], zum taktisch optimalen zeitpunkt mit der technisch höchstmöglichen präzision aus meinem jutebeutel zog. soviel dazu(...)
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