Mittwoch, 13. Juli 2011

Deutschland ist raus und keiner hat's gesehen.

Vielleicht hätte ich es vorher tun sollen. Vielleicht wäre ich besser durch dieses Gespräch gekommen mit ein bisschen mehr Informationen. Einzig die persönliche Einstellung reicht da nicht aus. Da ist man ratz fatz ein unmoderner Prolet, der keine Ahnung vom Lauf der Zeit hat. Als ich eben Frauenfußball gegoogelt habe, bekomme ich als erstes Bild eine nassgeregnete Frauenmannschaft in Trikot und Tanga mit Playboyhäschen zu sehen. Alle Hautfarben, alle möglichen Frisuren, jegliche Form von Brüsten- alle gut vergleichbar durch das Wasser. Wenn man daraus was lesen kann, dann dass das anscheinend viele Menschen angeklickt haben müssen.  Oder was bedeutet es, wenn bei google ein Bild gleich als erstes kommt? Gibt man übrigens Männerfußball ein, erscheinen 4 beste Freunde mit Schlamm im Gesicht und Grinsen auf den Backen. Einer klemmt einen Ball ein, der andere ballt eine Faust. Sie schwitzen unter den Armen und am Bauch. Das Wort Männerfußball scheint in der Form eigentlich nicht zu existieren. Der Frauenfußball ist also aus dem Fußball der Männer entstanden, wenn ich das richtig verstehe. Zumindest, was das Wort betrifft. Das fängt doch schon Scheiße an, wenn ihr mich fragt. Wie Frauenparkplätze. Die haben auch so einen schlechten Ruf. Dabei macht es Sinn, wenn man sich überlegt, wie eine schwangere Frau mit einem riesen Bauch aus ihrem Auto kommen soll, wenn sie die Tür kaum aufkriegt. Immer wenn vor irgendwas das Geschlecht gehängt wird, kommt man sich so vor, als wäre man nicht in der Lage das zu leisten, was der andere im Stande ist. Es klingt, als wäre eine Frau zu blöd zum Einparken und genau so wird wahrscheinlich auch argumentiert. Fragt mal Leute, ob sie wissen, welche Funktion solche Parkplätze haben. An die schwangere Frau denkt keiner, so viel kann ich schonmal verraten. Dem Damenrad zum Beispiel sieht man schon von weitem an, dass es eines ist. Und seine Form könnte darauf schließen lassen, dass sie ihr Bein nicht hoch genug bekommt, um aufzusteigen. Dabei war es nur der Rock, der hinderlich war. 80% der Frauen, die ich kenne schwingen ihr Bein über den Sattel... ich red gar nicht weiter.

Man kam als Fußballfan in den letzten Wochen kaum an einer Diskussion vorbei. Man musste Stellung nehmen zu allem. Einige viele Mädels fühlen sich provoziert, wenn überall in den Kneipen Frauenfußball zu sehen ist, einfach mal das Gespräch zu suchen. Der Mann weiß, dass er auf Glatteis steht, wenn überall Frauen Fußball spielen sieht. "Wie stehst du denn zu der Sache?" -  "Ach weißt du, ich interessiere mich nicht dafür. Es ist mir zu langsam. Da passieren komische Sachen, die man aus dem Sport nicht gewohnt ist und daher lass ich das einfach weg." Meistens ist das zu ehrlich. Sie hören eigentlich den Satz "Wir Männer können was, das könnt ihr nicht." Den hat man aber gar nicht gesagt. Aus der Geschichte raus kommt man trotzdem nicht. Gibt man ein Argument, wie man es verbessern könnte, machen sie aus dir einen Gönner, der sich erbarmt den armen doofen Frauen zu helfen. Ich habe zum Beispiel gesagt, dass der Platz viel zu groß ist. Es ist eindeutig zu erkennen, dass sich 70% des Spiels in der Nähe des Mittelkreises abspielt und kaum mal ein Pass über 30 m gespielt wird. Den Hauptteil seiner Distanz legt der Ball am Fuß einer Spielerin zurück. Darum geht es aber in dem Sport leider nicht. Gefragt ist ein Weg zum Tor, der effektiv und erfolgreich ist. Die letzten 20 Minuten eines Frauenfußballspiels sind sehr schwer anzuschauen. Das hat mir meine neue über 90 jährige Freundin bestätigt. Sie sagte, dass es ungeheuerlich war, wie alle Spielerinnen mit Krämpfen zu tun hatten. "Die haben ihre Leistungsgrenze überschritten", meint sie. "Warum verlangen die solch teilweise unmöglichen Dinge von den armen Mädels?" In beinahe jedem Sport der Welt wird versucht, die zu erbringende Leistung denen anzupassen, die den Sport ausführen. Ein junger Kugelstoßer fängt genauso wenig mit einer 6,25 kg schweren Kugel an, genauso wie eine Frau. Aus einem ganz einfachen Grund. Das Ding ist einfach ein bisschen zu schwer. Hürdenlauf ist mein Lieblingsbeispiel. Man stelle sich mal vor, wie es aussehen würde, wenn eine Frau über eine Männerhürde hüpfte. Wie ein Zickenbock. Die Hürde ist einfach kleiner und bei den Olympischen Spielen macht niemand einen Unterschied, ob er nun ein Männer- oder ein Frauenfinale im Hürdensprint gesehen hat. Beides total geil und  beides spannend.

Im Fußball würde solche Anpassung bedeuten, dass das Feld kleiner, der Ball leichter, das Tor kleiner und vielleicht die Spielzeit verkürzt werden sollte. Wenn es irgendwann mal keine Frage mehr darstellen sollte, ob denn jemand "Frauenfußball" guckt oder nicht, kommt man aus meiner Sicht daran nicht vorbei. Es verhält sich da ein bisschen, wie mit "Light-Produkten". Wenn die Light-Version versuchen soll, das Original zu kopieren, gefällt es uns in den meisten Fällen nicht. Es muss sich selbst zu einem Original machen. Manchmal will man das original nicht, weil Cola zum Beispiel fett macht oder Hooligans den eigentlichen Sport stören. Im Männerfußball gibt es viele Dinge, die verändert werden müssten, weil sie stören. Unsinnige Attacken auf Gegenspieler, Spucken, Beleidigungen und Schauspielerei. Da könnte man sich von den Frauen etwas abschauen, das macht sie zu einem Original. Die provozieren sich nicht. Frauenfußball ist grundehrlich. Das erkennt man schon an den Interviews nach einem Spiel.

Als die deutsche Mannschaft am Samstag im WM-Viertelfinale den Platz als Verlierer verließ, waren die deutlichsten und ehrlichsten Kommentare von Spielern und Verantwortlichen zu hören, wie ich es so noch nicht kannte. Niemand hat ein Blatt vor den Mund genommen. Jede einzelne Spielerin war mündig und hat sich tadellos verkauft im Nachhinein. Das zollt mir Respekt ab. Was besseres hätte übrigens den Deutschen Frauen nicht passieren können, als dass sie bei ihrer Heim-WM als Favorit so frühzeitig ausscheiden. Denn jetzt hat der Frauenfußball in Deutschland ein ganz neues und wichtiges Kapitel dazugewonnen. Jede Frau, die sich seit einiger Zeit für Fußball interessiert weiß nun, wie es sich anfühlt, wenn man ausscheidet. So richtig Scheiße. Als Deutschland für mich das erste mal bewusst aus einem WM Turnier ausgeschieden ist (1994 übrigens gegen Bulgarien), hab ich geheult ohne das Spiel gesehen zu haben. Ich war damals in Frankreich im Urlaub und hab es über Mittelwelle gehört. Ganz sicher gibt es jetzt weniger Frauen, die sich darüber wundern, dass Männer manchmal heulen können, wenn ihr Club oder ihr Land versagt hat. Was jetzt fehlt ist noch ein Wembleytor, eine Niederlage in den letzten zwei Minuten eines Spiels bei einer 1:0 Führung und eine furios spielende Mannschaft nach 15 Jahren Durststrecke in allen Wettbewerben. Diese Phrasenhafte Bezeichnung "steckt in den Kinderschuhen" ist so doof gar nicht gewählt. Denn daraus lässt sich eine zu erwartende Entwicklung ableiten. Auch der Männerfußball steckte mal in den Kinderschuhen. Da sind Männer noch mit Hut und Anzug auf das Spielfeld. Auf Ascheplätzen und mit Bällen mit einer Naht so groß, wie eine Thüringer Bratwurst. Das Spiel ist zu dem geworden, was es heute ist, weil die schweren Hüte und die unbequemen Anzüge heute verschwunden sind und weil mittlerweile auf Plätzen gespielt wird, die an einen Golfplatz erinnern und mit einem Ball, der 9000 mal runder und deutlich leichter ist, als der mit der Riesennaht. Sie haben den Platz verkleinert. Die Spielzeiten angepasst und die Regeln verfeinert. Alles um daraus ein Erlebnis zu machen. 

Spannend war das Viertelfinale übrigens. In der 80. Minute hab ich reingeschaltet. Es ging um alles und das Stadion war ziemlich voll. Ausgesehen hat es erstmal total gut. Nur leider konnte eigentlich keine der Mannschaften mit diesem schweren Ball dolle schießen. Der Kommentator tat sich schwer, wirkliche Glanzpunkte festzulegen. Eigentlich hab ich drei Leute zum Gucken eingeladen, aber ich hab es am Ende wohl als einziger gesehen. Aber immer mitdiskutieren wollen. [...] Gibt man Frauenfußball nun letztlich noch bei youtube ein, ist das Ergebnis wieder ernüchternd. "Funny Scenes" steht eigentlich in jedem Viedeotitel. Da fangen Spielerinnen einfach den Ball und gehen durch den Strafraum. Niemand hat es gesehen. Oder es bekommen Spielerinnen den Ball an den Rücken und er ist im eigenen Tor. Nicht ein mal in 10 Jahren, sondern drei mal in einer WM-Vorrunde. Dabei war das Tor der Japanerin Maruyama gar nicht so schlecht. Direkter hoher Ball, perfekt in den Lauf, langes Eck. Deutschland raus. Torjubel ausbaufähig, ansonsten aber tip top. Passiert halt nur so selten.

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