Freitag, 21. Oktober 2011

Schieß los Gaddafi.

Wie sich die Berichterstattung verändert. Das finde ich eigentlich am beeindruckendsten. Ich kann mich noch an Tagesschauberichte erinnern, in denen mir Muammar al-Gaddafi als Staatsmann, Gastgeber für andere Staatsmänner und als Ruhepol in einer "schwierigen Region" dagestellt wurde. Komische Roben hatte er immer an, ein bisschen ein bunter Vogel, konnte man immer denken. Um das mal gleich festzuhalten: Ich finde Staatschefs, die ihr Land unterdrücken und von der Außenwelt abschneiden nicht gut. Ich finde George Bush nicht gut und ich finde generell Verbrecher scheiße.

Jetzt, wo er tot ist, kriegt man ihn ja dauernd zu sehen. Immerzu sehe ich, wie er vor der UN die UN-Charta zerreißt und ich sehe Delegierte, die den Raum verlassen vor Empörung. Dann seh ich ihn in die Luft schießen. Immerzu ballert er im Fernsehen in die Luft. Niemandem erzähl ich hier etwas Neues. Unsere Medien machen unsere Meinung. Aber interessant ist schon, wie aus der unfassbar langen Rede vor der UN, letztlich nur das Bild der zerrissenen Charta und die flüchtenden Delegierten übrig bleiben konnte.
"Does the Vatican pose any threat to us? No it is a very peaceful, religious state. If the Afghans want to establish an Islamic emirate let it be like the Vatican. Who said the taleban are the enemy and has to be struck by the armies? Is bin Laden an Afghan? Is he a taleban? Bin Laden is not from the taleban and not from Afghanistan."
http://metaexistence.org/gaddafispeech.htm
Die Rede ist voll von Wahrheiten, wobei ich dieses Wort eher vorsichtig benutzen möchte. Im Vatikan werden bis heute Epileptikern mit Exorzisten der Teufel ausgetrieben. Ich sage euch, hätten die Öl dort, ratz fatz sind die auch ein Schurkenstaat. Gaddafi, es tut mir Leid, ich mag ihn irgendwie. Er stellt sich vor die UN und hält ihnen einen Spiegel ins Gesicht. "Wer seid ihr, dass ihr Länder als Schurkenstaaten einstuft, nachdem ihr sie über Jahrzehnte ausgebeutet und verarscht habt? Wer seid ihr eigentlich, dass ihr den Irak und Afghanistan angreift, als Vergeltung für den 11. September, obwohl Bin Laden weder Afghane, Iraker oder Taliban ist." Wahrscheinlich wäre es das beste, ihr lest euch diesen Brocken von Text mal selbst durch. Oft ist es sogar echt witzig. [...] Kaum mach ich eben den Fernseher an, schießt Gaddafi in die Luft und brabbelt so arabisches Zeug. Machen wir uns nichts vor, Arabisch klingt für Europäer total angsteinflößend. Wahrscheinlich weil in jedem zweiten Hollywood-Movie kurz vor der Explosion noch ein vermummter Moslem laut aus dem Koran liest. Und dann Bumm. Ihr erinnert euch an die Konditionierung von Pawlow? Hund-Lampe-Essen-Speichel = Moslem-Arabische Sprache-Bombe-Bumm. Wahnsinn eigentlich. 

Gaddafi wird von ehemaligen Politikern, die mit ihm zu tun hatten, als unglaublich klug beschrieben. Als einer, der genau wusste, die richtigen Dinge zu tun. Libyen war auch mal ein Schurkenstaat, bis Gaddafi es durch aberwitzige Schachzüge geschafft hat, von dieser Liste zu kommen. Und prompt flogen sie alle ein. Einer nach dem anderen. BP und Shell (Entschuldigung, die königliche Hoheit von England) haben zum Beispiel Tony Blair geschickt- bei dem man übrigens seine ganze Laufbahn immer dachte, irgendwer hat ihn geschickt. Berlusconi war auch da, Schröder, Sarkozy, die völlig abgefahrene Condoleeza. Wirklich alle. Und alle kamen mit unterzeichneten Verträgen zurück. 

Dieses Gestreichel hatte am 15. Februar dieses Jahres plötzlich ein Ende. Als Libysche Sicherheitskräfte auf die ersten Demonstranten schossen, hieß es auf Seiten der westlichen Staaten: "Oh, was macht der denn da? Der soll aufhören zu schießen. Unser schönes billiges Öl. Oh nein... Jetzt müssen wir alles neu verhandeln." Den Amerikanern war klar, dass sich so eine Protestbewegung nicht mehr aufhalten lassen würde. Also stellten sie sich zum ersten mal seit Jahren auf die Seite derer, die ihnen bis dato scheißegal waren. Das Libysche Volk. Übrigens muss das immer Gaddafis größte Angst gewesen sein. Er soll bei fast jedem Treffen  darauf hingewiesen haben, dass er Angst hat, über's Ohr gehauen zu werden. Ging eine Weile gut, wie immer... und auf einmal plötzlich nicht mehr. Seitdem senden sie den schießenden Gaddafi!! Ich kann es nicht mehr sehen.

Gaddafi ist in der afrikanischen Welt an vielen Stellen ein Held. Nelson Mandela begrüßt ihn bis heute, als wäre er einer seiner Schulkameraden aus der Abiturstufe. Mit Drücken und Küssen und allem Schnick Schnack. Gadaffi war einer der ersten und spendabelsten Apartheids- Bekämpfer, die es gab. Afrika sei ihm wichtig sagt er und irgendwie glaub ich ihm das. Was macht ihn eigentlich aus unserer westlichen Sicht zu einem schlechten Menschen? Dass er prinzipiell Staatschef eines reichen Landes ist und seinen Untertanen nichts abgibt? Aha... Und wie ist das bei uns? Oder in den USA? Der einzige Unterschied ist doch, dass man in Libyen Gaddafi heißen muss, um privilegiert zu sein. Hier spielen wir Demokratie.

Dem Präsidenten der Vereinten Nationen seine eigene Charta auf den Tisch zu werfen mit den Worten: "Schauen sie sich die israelische Jugend an, schauen sie sich die palästinensische Jugend an. Die wollen alle Frieden. Dieses Buch hier hat die Lösung für das Problem parat. Schauen sie mal rein." Also ganz ehrlich, das ist einfach ein Knaller. Ähnlich wie der Irakische Journalist, der George Bush mal einen Schuh an den Kopf werfen wollte.

Das schlimmste an der ganzen Sache ist in meinen Augen, dass das dummgehaltene Libysche Volk (damit mein ich immer die Mehrheit, wie in jedem Land der Erde) glaubt, es ginge jetzt bergauf. Jetzt wo sie ihn in ein Kanalrohr gejagt und abgeknallt haben. Denn sie wissen nicht, dass sich nie was ändert. Einzig das Feindbild fehlt ab jetzt. Es ist viel einfacher etwas gegen Muammar al-Gadaffi zu haben, als gegen sowas Abstraktes wie die Finanzindustrie. Denn die kann man nicht so einfach in einen Abfluss scheuchen, wenn sie den Bogen überspannt haben.

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